Das Bartangtal


Unterschätztes Gebirge der Superlativen: Der Pamir

Das Bartang-Tal liegt inmitten des Pamir, einem Gebirge im Herzen Zentralasiens, das sich über Teile Tadschikistans, Afghanistans und Ost-Chinas erstreckt. Während der angrenzende Hindukusch in den letzten Jahren häufig negative Schlagzeilen gemacht hat und der Himalaya stellenweise von Massentourismus erdrückt zu werden droht, ist nur Wenigen dieses Kleinod in unmittelbarer Nachbarschaft bekannt. Zu Unrecht, denn der Pamir wartet mit zahlreichen geographischen Superlativen auf: dem höchsten Berg der ehemaligen Sowjetunion, dem weltweit längsten außerpolaren Gletscher und dem Stausee mit dem massivsten natürlich entstandenen Damm der Welt. Für zahlreiche bedrohte Tierarten wie das gigantische Marco-Polo-Schaf (berühmt für sein bis zu 1,40 m breites Gehörn) sowie den Schneeleoparden bietet der Pamir einen letzten Rückzugsraum. Geologen kennen den Pamir als lange Zeit weltweit einzige Quelle für Lapislazuli und für die hochkarätigen Spinelle, die in der englischen Krone verarbeitet wurden. Geschichtsfreunden ist der Pamir ein Begriff als Schauplatz des sogenannten Great Game im 19. Jahrhundert, des kolonialen Wettstreites zwischen britischen Imperium und russischem Zarenreich um die letzten weißen Flecken auf der Landkarte Asiens. Ethnologen und Linguisten schließlich schätzen den Pamir aufgrund seiner großen kulturellen und ethnischen Vielfalt: In fast jedem Tal wird eine eigene Sprache oder Dialekt gesprochen, sodass die Bewohner benachbarter Täler einander oft nicht verstehen können, und viele der uralten Traditionen werden nur in einzelnen Dörfern praktiziert.

 

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Sarez-See im Bartang-Tal, dessen Damm 1911 bei einem Erdbeben entstand (Foto: Stefanie Kicherer)
Sarez-See im Bartang-Tal, dessen Damm 1911 bei einem Erdbeben entstand (Foto: Stefanie Kicherer)

"Wer nicht in Bartang war, hat den Pamir nicht gesehen",

...schrieb einst der russische Forschungsreisende Pavel Luknizki, der sich in den 1930er Jahren in das Bartangtal verliebte. Doch nicht nur unter Ausländern, sondern auch unter den Pamiri selbst genießt das Bartang-Tal den Ruf als das Herz des Pamirs, der Ort, an dem die Landschaft am dramatischsten, der Weg am gefährlichsten, die Tradition am authentischsten und die Gastfreundschaft am herzlichsten ist.

 

Wie die meisten Bewohner des westlichen Pamirs sprechen die Bewohner Bartangs Dialekte aus der Familie der indoeuropäischen nicht-verschriftlichten Pamir-Sprachen. Sie bekennen sich religiös zum Nizari-Ismailitentum, einer Konfession des schiitischen Islams. Nizari-Ismailiten betrachten Aga Khan den IV. als den nächsten noch lebenden Nachfahren des Propheten Muhammad und als Reinkarnation des göttlichen Lichtes. Seine Anweisungen sind absolut bindend.

Der Aga Khan propagiert einen fortschrittsfreundlichen, dem Westen zugewandten Islam, den auch seine Anhänger im Bartang-Tal aktiv leben, vermischt mit zahlreichen lokalspezifischen Praktiken



Selbst in Roshorv auf 3200 m wird im Bartangtal noch Weizen geerntet (Foto: Stefanie Kicherer)
Selbst in Roshorv auf 3200 m wird im Bartangtal noch Weizen geerntet (Foto: Stefanie Kicherer)

Einen hohen Stellenwert genießt die Schulbildung, insbesondere von Mädchen: Seit der Aga Khan eine Anordnung erlassen hat, dass eine Familie mit mehreren Kindern zuallererst an die Ausbildung der Mädchen denken solle, versuchen fast 100 % der Schülerinnen eines Abschlussjahrgangs, einen Studienplatz zu ergattern.

Doch auch schon vorher waren die Bartangis sehr bildungshungrig: Lesen sie sich vor Ihrer Reise in den Pamir nochmal in Ihre Philosophiebücher ein - sie werden auf viele alte Männer mit Rauschebärten und traditionellen Mützen treffen, die sie in dialektische Diskurse über Hegel, Rumi und andere große Denker aus Ost und West verwickeln wollen ...

 

Alle Bartangi sind Subsistenzbauern und Viehzüchter, manche sind gleichzeitig im Staatsdienst beschäftigt (z.B. als Lehrer) oder arbeiten als Fahrer. Weil das Einkommen selten ausreicht, um den Lebensunterhalt zu decken, verdingen sich meist einige Familienmitglieder als Gastarbeiter in Russland und schicken Geld zurück ins Dorf. Dennoch, die wenigsten jungen Leute verspüren den Wunsch, dauerhaft in der Fremde zu leben: In Bartang sei die Natur am saubersten, das Wasser am reinsten, hier liegen die heiligen Orte, die der Gemeinschaft Segen spenden, und wohnten die geliebten Verwandten, ohne die sich ein Bartangi wie ein Fisch ohne Wasser fühlt. Oftmals hört man: „Das Leben in Bartang wäre eigentlich wie im Paradies, wenn nur unser Elektrizitäts-Problem gelöst würde.“

 

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